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Selten wird die Kunst, die Augen zu täuschen, so auf die Spitze getrieben wie in der Stilllebenmalerei. Auf künstlichste Weise wirken Stillleben natürlicher als die Natur selbst: Die Weintrauben erscheinen süßer, die Pfirsiche saftiger und die Blumen farbenprächtiger als im Garten oder auf dem Markt. Sie sind veredelt, zunächst im Obst- oder Weinanbau, dann in der Wiedergabe durch Künstler*innen. Seit dem 16. Jahrhundert schufen sie Stillleben, um ihr Können in der Wiedergabe unterschiedlicher Oberflächen zu beweisen. Sie begeben sich – wie schon der Weinbauer, der die Trauben lieferte – in einen Wettstreit mit der Natur selbst. Sie tun ihre Begeisterung für das schöpferische Talent des Menschen kund, indem sie etwa die Musik oder Erzeugnisse der Glas- und Porzellanherstellung mit einbeziehen. Stillleben sind ein Ort der Sehnsucht nach vollkommener Reife und nach dem Festhalten an diesem Glück. 

Schaut man genauer hin, so fehlt es aber nicht an Mahnungen: ein welkendes Blatt oder eine Fliege deuten den unerbittlichen Kreislauf der Natur an. Letztlich müssen all die Früchte zugrunde gehen, sie liegen im Sterben. Der italienische Begriff „natura morta” legt es schonungslos offen. Dabei vermag es doch die Kunst, die Dinge „lebendig” vor Augen zu führen. Hier nun setzt Elizabeth Joan Clarke an: Ihre Stillleben sind insofern keine Augentäuschung, als es Fotografien „echter” Inszenierungen sind. Die Muscheln, Gläser, Früchte und anderen Dinge haben in ihrem Studio tatsächlich so dagelegen, auf diesen Marmortischen und in diesem Licht. Die Künstlerin legt Wert darauf, die Fotos nicht nachbearbeitet zu haben. Sie sind Zeugnisse bestimmter, realer Momente. Zugleich sind sie ganz und gar künstlich, indem sie Kunstobjekte vergangener Zeiten mit der Frische der Natur zu neuem Leben erwecken. Und ja, natürlich auf schönste Weise die Augen täuschen.

- Dedo von Kerssenbrock-Krosigk

Elizabeth Joan Clarke (geboren 1970 in Oxford, England) verbrachte ihre Kindheit in England und in Frankfurt am Main, studierte Landschaftsentwicklung, arbeitete in mehreren naturkundlichen Museen und war ehrenamtlich in England und Deutschland im Naturschutz aktiv.
Seit über 30 Jahren beschäftigt sie sich intensiv auch mit Fotografie und Kunstgeschichte. Ihre Faszination für die Stilllebenmalerei wurde durch einen Besuch im Ashmolean Museum in Oxford geweckt, wo sie als Kind den Zauber eines Gemäldes einer der bedeutendsten niederländischen Stilllebenmaler des 17.Jahrhunderts, Pieter Claesz, entdeckte. In Ihren fotografischen Stillleben nimmt uns Elizabeth Joan Clarke mit auf eine Reise in längst vergangene Zeiten. Sie erzählt Geschichten mit Sammler-Schätzen und Alltagsgegenständen, Pflanzen und Speisen – es sind Erzählungen über das stille Leben der Dinge, das dann doch nicht so still ist, wie es auf den

ersten Blick erscheint. Ihre Bilder sind Sinn-Bilder, die sie mit Anspielungen und Symbolen füllt. Sie sind auch eine Liebeserklärung an das Kunsthandwerk, an die Kunstfertigkeit, an die Fülle des Lebens, und sie wirken wie ein Gegenentwurf zu unserer lauten und oft schrillen Zeit. Bei all dieser Fülle und Üppigkeit schimmert jedoch die Vergänglichkeit stets hindurch, und ein leiser Aufruf zur Mäßigung lässt sich erahnen.

- Judith Rhodes

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